Durch einen Elternabend im Kindergarten meiner Tochter,
bei dem eine Erzieherin uns Erwachsenen ein Märchen erzählt hat, bin ich
wieder aufmerksam auf Märchen geworden. Was mich besonders faszinierte,
war das Erzählen. Ein Märchen erzählt zu bekommen und nicht nur
vorgelesen, ist ein spezielles Erlebnis. Der Erzähler ist ganz offen und
nur für die Zuhörer da, im direkten Kontakt -> Augenkontakt. Dadurch
kann „etwas" fliessen. Es gibt keine Trennung durch ein Buch oder
durch eine Maske. Kein Fernsehgerät, dass mir diesen direkten Kontakt nur
vorgaukelt. Da steht ein Mensch und hat mir etwas zu geben, zu sagen. Und
er sagt es mir direkt. Ich fühle mich als Zuhörer also direkt
angesprochen.
Was mir erst später, während meiner Ausbildung zum
Märchenerzähler, aufgefallen ist, ist die Märchensprache. (Natürlich
trifft dies hauptsächlich bei den eher ursprünglichen Texten zu.) Sie
ist so einfach und unkompliziert. Wohl ungewöhnlich in der Wortwahl und
Satzstellung, aber dafür sehr präzise und direkt. Keine umständlichen
Umschreibungen, sondern direktes Beschreiben, was geschieht. Diese Sprache
lässt ganz besondere Bilder in mir entstehen. Bei dem Versuch, ein
Märchen nachzuerzählen, ist mir deutlich bewusst geworden, dass der
Originaltext eines Märchens kürzer und prägnanter nicht hätte erzählt
werden können. Diese alte Sprache der Märchen (besonders die Texte von Grimm in ihren
ersten Sammlungen) übt auch einen besonderen Reiz auf mich aus, je
länger, umso mehr.
Es gibt Märchen, die mich sofort ansprechen und die ich
dann auch lernen möchte. Andere gefallen mir gar nicht, und bei manchen
ändere ich doch noch meine Meinung, abhängig davon, wo ich im Moment
stehe und was ich gerade brauche.
So „schleiche" ich oft auch um ein Märchen herum, bis ich wirklich
begreife, was es mir sagen will. Ich gewinne Figuren aus den Märchen
lieb, weil ich mich selbst darin gespiegelt sehe, oder ich mag sie
überhaupt nicht - aus dem gleichen Grunde.